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ÜberBlendung

 

ÜberBLENDUNG

 

Filmkomödien aus der NS-Zeit

 

Filme aus der Zeit der NS-Diktatur erfordern einen besonderen Blick. Sie wurden nicht unter der Voraussetzung einer freien Wirtschaft gedreht: Es wurden nicht die Filme produziert, die sich wirtschaftlich rentieren, sondern die, die sich politisch auszahlen sollten. Das heißt, dass auch sogenannte Unterhaltungsfilme aus der NS-Zeit keine unpolitischen Vergnügungen waren, sondern dass sie gezielt zur „Erziehung des Volkskörpers“ produziert wurden: Sei es durch subtile, fast unmerkliche ideologische Tendenzen oder schlicht durch den Zweck, mit eskapistischen Leinwandträumen die Menschen von den Sorgen und Nöten des Alltags abzulenken. Nicht nur mit expliziter politischer Propaganda, auch mit vorgeblich harmloser Unterhaltung wurde das Publikum geblendet.

 

Dennoch gibt es einige Komödien aus der NS-Zeit, die von so hoher Qualität sind, dass ihr brillanter Witz sozusagen über die damals intendierte ideologische Blendung hinwegfunkelt und bis heute glänzt. Sprich: Sie sind auch heute noch witzig. Es lohnt sich also der Blick auf diese vergessenen Komödienklassiker, die einerseits den Geist von damals atmen, die aber andererseits mal erfrischende Subversivität, mal fast postmoderne Albernheit, mal anspruchsvoll-komplexe Inszenierungskunst aufweisen – und die auch heute großen Spaß machen.

 

In Einführungen zu den einzelnen Filmen wird Harald Mühlbeyer die hohe Kunst ihrer Komik betrachten und untersuchen, inwieweit sich in diesen Filmen NS-Ideologie spiegelt; oder ob diese vielleicht sogar subtil unterwandert wird. Alle Filme der Reihe sind aus dem Archiv der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung und bisher nicht auf DVD erschienen – eine seltene Gelegenheit, Perlen der deutschen Filmgeschichte kennen zu lernen.

Glückskinder

Glückskinder

DEU 1936. R: Paul Martin. D: Willy Fritsch, Lilian Harvey, Paul Kemp. 95 Min. FSK: 12

 

Lyriker Gil (Willy Fritsch) versucht sich in New York als Zeitungsreporter am Schnellgericht. Als die aparte Anne (Lilian Harvey) dort wegen Vagabundierens belangt werden soll, gibt er sich als ihr Bräutigam aus. Da der gerührte Richter den Standesbeamten rufen lässt, sind beide kurz darauf wirklich verheiratet. Doch Anne scheint von ihrem neuen Gemahl wenig begeistert. Vielleicht, weil sie die spurlos verschwundene Nichte des Ölkönigs Jackson ist? Eine witzig-beschwingte Komödie mit elegant-spritzigen Dialogen von Curt Goetz und perfekt getimeten Gags und: Quentin Tarantinos Lieblingsfilm.

Mi 18.01., 19.30 Uhr

Sieben Ohrfeigen

Sieben Ohrfeigen

DEU 1937, Regie: Paul Martin, D: Willy Fritsch, Lilian Harvey, Alfred Abel, Oskar Sima. 98 Min. FSK: 12.

 

Ein Film, der in der derzeitigen Wirtschaftskrise hochaktuell ist. William Tenson MacPhab (Willy Fritsch) verabreicht einem millionenschweren Spekulanten sieben Tage lang täglich eine Ohrfeige, damit dieser auch kleine Zahlen zu schätzen lernt. Als Gegenoffensive macht sich dessen Tochter (Lilian Harvey) an den Ohrfeigenattentäter ran. Eine der schönsten Liebeserklärungen der Filmgeschichte mit dem Traumpaar des deutschen Kinos und wortwitzigen Dialogen von Curt Goetz.

Mi 29.02., 19.30 Uhr

 

Capriccio

Capriccio

DEU 1938, R: Karl Ritter, D: Lilian Harvey, Viktor Staal, Paul Kemp, Paul Dahl. 99 Min. FSK: 16

 

In Männerkleidern verschwindet die Klosterschülerin Madelone (Lilian Harvey) kurz vor der arrangierten Heirat mit dem ihr verhassten Barberousse. Auf der abenteuerlichen Flucht begegnet sie Fernand, ihrem Traummann. Doch bis sich die beiden endlich finden, gilt es einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Eine Historien-Operettenkomödie, die in jeder Szene herrlich überdreht ist, so dass sie sich am Ende in schönsten Nonsens auflöst. Bemerkenswert sind auch die zwischen Männlichkeitsritualen, Geschlechtertausch und Männerfreundschaft aufscheinenden homoerotischen Tendenzen.

Mi 21.03., 19.30 Uhr

Sergeant Berry

Sergeant Berry

DEU 1938, R: Herbert Selpin, D: Hans Albers, Herma Relin, Peter Voss, Herbert Hübner. 113 Min. FSK: 12

 

Der Chicagoer Polizist Mecki Berry (Hans Albers) wird undercover nach Mexiko versetzt, wo er einer Rauschgiftbande das Handwerk legen soll. Dabei gerät er in die dunklen Machenschaften des Großgrundbesitzers Madison, der einen unliebsamen Konkurrenten ausschalten will und auch Berry auf seine Liste setzt. Kriminal-, Abenteuer- und Westernelemente in einem spannenden und zugleich parodistischen Film: Albers spielt zwar einerseits den lässigen Draufgänger mit typischer Schnodderschnauze, hängt aber andererseits an seiner respektheischenden Uniform und an seiner lieben Mutter.

Mi 25.04, 19.30 Uhr

Der Mann, dem man den Namen stahl

Der Mann, dem man den Namen stahl

DEU 1945/1996, R: Wolfgang Staudte, D: Axel von Ambesser, Klaus Pohl, Ruth Lommel. 84 Min. FSK: 0

 

Während eines Ausflugs in die Großstadt wird Fridolin Biedermann (Axel von Ambesser) die Brieftasche gestohlen. Da sich darin seine persönlichen Unterlagen befanden, ist er seiner Identität beraubt. Der Dieb ist ein Urkundenfälscher und Heiratsschwindler, der die Papiere missbraucht, um krumme Geschäfte abzuwickeln. Als ein Haftbefehl erlassen wird, gehen beide Männer der Justiz ins Netz. Für Fridolin beginnt auf der Suche nach seiner Identität ein absurder Gang durch die Instanzen des Behördenapparats. Eine Verwechslungskomödie oder, mit Staudtes Worten, „eine Groteske zum Thema Bürokratie“, die von Goebbels verboten und in der NS-Zeit nicht mehr fertig gestellt wurde. Erst 1996 konnte der Film rekonstruiert werden.

Mi 23.05., 19.30 Uhr